| Pressemeldung | Nr. 123a

Ökumenische Begegnung zum 40. Jahrestag der Tilgung der Bannsprüche von 1054 aus dem Gedächtnis der Kirche

Grußwort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, am 7. Dezember 2005 in München

Es gilt das gesprochene Wort!

Eminenzen, Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,

im Namen der Deutschen Bischofskonferenz und als deren Vorsitzender heiße ich Sie alle herzlich willkommen. Mein Gruß gilt besonders Ihnen, verehrter, lieber Kardinal Wetter als Ortsbischof und – hier im Kardinal Wendel Haus - zugleich Gastgeber, sowie allen anwesenden Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz. Mein besonderer Gruß gilt zugleich Ihnen, Eminenz und lieber Bruder Augoustinos, der Sie als Metropolit von Deutschland und von Zentraleuropa der Griechischen Orthodoxen Kirche zugleich in besonderer Weise Seine Heiligkeit Bartholomäus, den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, repräsentieren. Der Gruß gilt ferner allen Metropoliten, Erzbischöfen und Bischöfen der Orthodoxen Kirche in Deutschland, die ich als Brüder im Bischofsamt hier herzlich willkommen heiße. Ich grüße auch den Vorsitzenden der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland, Herrn Prof. Dr. Anastasios Kallis. Ich grüße den Bischof der Koptisch-Orthodoxen Kirche, Bischof Dr. Anba Damian, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern, Herrn Regionalbischof Dr. Weiss, sowie alle anwesenden Vertreter christlicher Kirchen und Gemeinschaften. Ich begrüße als Vertretung der Stadt München Frau Bürgermeisterin Dr. Gertraud Burkert. Noch einmal heiße ich Sie alle herzlich willkommen: jetzt zum Symposion und nachher zum Ökumenischen Gottesdienst in der Münchener Liebfrauenkirche.

Dieser Tag mit dem Symposion hier im Kardinal Wendel Haus und dem anschließenden Ökumenischen Gottesdienst gilt der festlichen Erinnerung an eine besonders denkwürdige Begebenheit am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965): Am 7. Dezember 1965 gaben zeitgleich der damalige Ökumenische Patriarch Athenagoras in der Georgskathedrale des Ökumenischen Patriarchats und Papst Paul VI. im Petersdom, der zugleich Konzilsaula war, bekannt, dass die Bannsprüche des Jahres 1054 „aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche getilgt“ und „dem Vergessen anheim fallen“ sollen. Diese wechselseitigen Bannsprüche des päpstlichen Gesandten Kardinal Humbert von Silva-Candida und des damaligen Ökumenischen Patriarchen Michael Kerullarios von 1054 galten und gelten ja vielfach als Beginn des morgenländischen Schismas, der Kirchenspaltung zwischen Ost und West, zwischen Rom und Konstantinopel, zwischen der Orthodoxen und der Katholischen Kirche.

Nun hat die Kirchengeschichtsschreibung gezeigt, nicht zuletzt die Arbeit der Gemischten Kommission unmittelbar im Vorfeld der Ereignisse des 7. Dezember 1965, dass dies der Wirklichkeit wenig gerecht wird. Weder hat der päpstliche Delegat die Kirche von Konstantinopel insgesamt exkommuniziert noch der damalige Ökumenische Patriarch die gesamte römisch-katholische Kirche. In einer langen Entfremdungsgeschichte, die schon längst vor 1054 begonnen hat und sich danach fortsetzte – ein schrecklicher Tiefpunkt war dabei die Eroberung und Plünderung von Konstantinopel durch das Heer der Kreuzfahrer 1204 mit der anschließenden Errichtung eines lateinischen Kaisertums - , hat 1054 einen traurigen Symbolcharakter, ist aber nicht eigentlich der Beginn des Schismas selbst. Umgekehrt wurde durch den Akt von 1965 auch die gegebene Trennung nicht einfach aufgehoben und keine volle Kirchengemeinschaft hergestellt.

Lassen Sie mich deshalb noch einen Augenblick beim Anlass unserer Begegnung verweilen. Was geschah 1965, welche Bedeutung haben die Geschehnisse des 7. Dezember 1965? Gleichsam eingerahmt wurde der 7. Dezember 1965 durch drei symbolträchtige Treffen der beiden wichtigsten Persönlichkeiten, des Patriarchen Athenagoras und Papst Paul VI. Hier ist vor allem und zuerst die Begegnung am 6. Januar 1964 in Jerusalem auf dem Ölberg zu nennen. Beide Kirchenführer würdigten dort eindringlich die Bedeutung des Ortes, wo die „Stimme Gottes … das Evangelium der Versöhnung und der Erlösung“ verkündete, und wo der Herr „kurz vor seinem Leiden im Schweiße seiner Todesangst für die Erhaltung in der Wahrheit und in der Liebe all derer gebetet hat, die an ihn glauben werden“, so der Patriarch, „wo das glorreiche Kreuz des Erlösers aufgerichtet wurde und wo er selbst, von der Erde erhöht, alles an sich zieht (Joh 12,32)“, so der Papst. Nach 1965 und erkennbar durch den Geist von 1965 geprägt folgen die bedeutsamen Besuche Papst Paul VI. im Phanar im Juli 1967 und des Patriarchen Athenagoras in Rom im Oktober des gleichen Jahres.

Sieht man die Ereignisse des 7. Dezember 1965 im Licht anderer konziliarer Gegebenheiten, kann eine Gemeinsamkeit auffallen. Von der überraschenden Ankündigung eines Ökumenischen Konzils in Sankt Paul vor den Mauern im Januar 1959 durch Papst Johannes XXIII., der Eröffnungsansprache des Papstes, der Einladung nichtkatholischer Beobachter, über die beschwörende Botschaft der Konzilsväter an die Menschheit vom 20. Oktober 1962, als die Welt mit der Kuba-Krise am Rand eines neuen, eventuell atomaren Weltkrieges zu stehen schien, bis hin zu jenem Akt der Tilgung der Bannsprüche finden sich rund um das Konzilsgeschehen eine Reihe von Handlungen großer Ausdruckskraft. Das tiefe Symbol ist der Umgang des Konzils mit der Bibel.

Hier fügen sich symbolische Zeichenhandlungen wie die „Tilgung der Bannsprüche aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche“ ein. Die Vergangenheit erinnernd umgreifend und auf die Zukunft vorgreifend lassen sie jetzt Gegenwart werden, was als „Angeld“ noch der Einlösung bedarf. Sie sind Zeichen der untrennbaren Doppelgestalt von Liebe und Wahrheit, des „Dialogs der Liebe“, der auf seine Verwirklichung, seine Bewährung im „Dialog der Wahrheit“ angewiesen ist. Im Akt der „Reinigung der Erinnerung“ von 1965, mit seiner Vorgeschichte und mit seiner unmittelbaren Nachgeschichte, in der „Tilgung der Bannsprüche aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche“ wurde, grundlegend und alles Weitere ermöglichend, die Liebe wiederhergestellt zwischen Rom und Konstantinopel. Darüber hat kaum jemand eindringlicher gesprochen als der damalige Regensburger Theologieprofessor Joseph Ratzinger, jetzt Papst Benedikt XVI. In einer Veranstaltung der österreichischen Stiftung „Pro Oriente“ hat er 1974 gesagt:

„Was bleibt und was folgt aus dem Ganzen? Der Kernvorgang ist dieser: Das Verhältnis der ‚erkalteten Liebe’, der ‚Gegensätze, des Misstrauens und der Antagonismen’ ist ersetzt durch die Beziehung der Liebe, der Brüderlichkeit, deren Symbol der Bruderkuss ist Das Symbol der Spaltung ist durch das Symbol der Liebe ersetzt. Die Kommuniongemeinschaft ist freilich nicht hergestellt. Aber nachdem der ‚Dialog der Liebe’ ein erstes Ziel erreicht hat, ist der ‚theologische Dialog’ verlangt, und zwar nicht als ein beruhigtes akademisches Geplänkel, das an kein Ziel zu kommen braucht und sich im Grunde selbst genügt, sondern unter dem Zeichen der ‚ungeduldigen Erwartung’, die weiß, dass ‚die Stunde gekommen ist’, Agape und Bruderkuss sind an sich Terminus und Ritus der eucharistischen Einheit. Wo Agape als ekklesiale Realität ist, muss sie zu eucharistischer Agape werden. Darauf hat alles Bemühen abzuzielen. Damit das Ziel erreicht werde, ist als unmittelbarste Konsequenz des Ganzen zu verlangen, dass unablässig an der ‚Gesundung des Gedächtnisses’ gearbeitet werde. Dem Rechtsfaktum des Vergessens muss das reale geschichtliche Faktum eines neuen Gedächtnisses folgen: Das ist der unausweichliche zugleich rechtliche und theologische Anspruch, der in dem Geschehen des 7. Dezember 1965 beschlossen liegt“.

Diesem Anspruch sieht sich die Deutsche Bischofskonferenz nachdrücklich verpflichtet. Sie hat sich erst kürzlich intensiv mit den Kirchen des Ostens befasst und sich nachdrücklich zur Fortsetzung dieser Arbeit bekannt. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Über viele Jahrzehnte hat die Deutsche Bischofskonferenz durch ihre Arbeitsgruppe „Kirchen des Ostens“ Stipendiaten aus den Schwesterkirchen des Ostens eingeladen, gemeinsam in Deutschland und entsprechend den geistlichen Traditionen ihrer Kirchen zu leben und zu studieren. Das Hilfswerk der deutschen Katholiken „Renovabis“ ist seit einiger Zeit an der Förderung dieser Arbeit beteiligt. Diese Arbeit wird auch in Zukunft fortgesetzt werden. Natürlich sind auch hier wie überall die unvermeidlichen Zwänge finanzieller Art zu sehen. Dem Ziel einer Verbindung von Konvivenz und Studium dient auch die verdienstvolle und deshalb unbedingt erhaltungswürdige Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie in ihrer Verknüpfung des Studiums orthodoxer Theologie mit katholischer sowie evangelischer Theologie hier in München, für das Sie, verehrter Bruder Augoustinos, zusammen mit Kardinal Wetter sich nachhaltig eingesetzt haben. Und um auch eine oft geäußerte Besorgnis zu nehmen - es wird ja gelegentlich geargwöhnt, der orthodox-katholische Dialog könne zu Lasten des evangelisch-katholischen Dialogs geführt werden: Dies wird in keiner Weise der Fall sein! Die Dialoge sind wie kommunizierende Röhren; Ergebnisse, wo auch immer, kommen am Ende dem Ganzen zugute. Freilich stellt uns der Dialog gerade mit den Kirchen des Ostens immer wieder vor die Frage nach dem Erbe der alten Kirche und dessen Normativität – uns alle!

In der Zusammengehörigkeit von Liebe und Wahrheit, vom „Dialog der Liebe“ und vom „Dialog der Wahrheit“, will sich auch die heutige Veranstaltung verstehen. Wir wollen jene Einheit feiern, derer wir 1965 neu innewerden durften, jetzt und mit Dank an den Geber aller guten Gaben nachher im Ökumenischen Gottesdienst. Wir stellen uns nun aber auch dem Anspruch des „Dialogs der Wahrheit“. Dazu lade ich Sie im Anschluss herzlich ein und danke schon jetzt den beiden Referenten, Prof. Dr. Vletsis und Prof. Dr. Bremer.


Tomos Agapis. Dokumentation zum Dialog der Liebe zwischen dem Hl. Stuhl und dem Ökumenischen Patriarchat 1958-1976 = Pro Oriente, Innsbruck 1978.

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